Liebe Amigos,
ich finde Hannes’ Vorschlag gut und da ich (mal abgesehen von Tim W.) am frühesten abgehauen bin, bin ich wohl dran, als Erste hier was zu schreiben.
Buenos Aires hat mich in einem einzigen Sog in seinen Bann gezogen, das Sausen und Brausen dieser Stadt, die nicht schläft, ihre prachtvollen Häuser und baumgesäumten Avenidas, der bröckelnde Putz an alten Palästen, die graffitibeschmierten Wände, die kaputten Pflastersteine vor neuen schicken Designerläden. Geruch von gerösteten Erdnüssen und Räucherstäbchen mischt sich mit dem Gestank von Hundekot. Schuhputzer, Zeitungsstände, Blumenverkäufer, Bettler und Kinder in Schuluniform. In dieser ganzen Hektik haben die Argentinier eine lebensfrohe Gemütlichkeit, die mir gefällt: An jeder Ecke ein Café, man trinkt Café con Leche (mit Medialunas=Halbmonden=Croissants) und liest La Nacion. Ältere Herren in Anzug und langem Mantel, elegant gekleidete Frauen. Eine bestimmt 70-jährige Dame kommt zum Tangounterricht, tauscht ihre Straßentreter gegen Stilettos aus, die sie sich an ihre dünnen faltigen Füße schnallt.
Die ersten Tage entdecke ich und entdecke, erlaufe mir die bunten Straßen von La Boca, die gepflasterten Bürgersteige von San Telmo, streife über den Friedhof in Recoleta und die Kunsthandwerksmärkte, trinke Kaffee und lasse mich treiben, durchs geschäftige Zentrum, durch Palermo, Belgrano. Dazwischen Behördengänge. Salsa und Fiesta Colombiana mit Mitbewohnerin Laura (Kolumbianerin aus LA); Konzerte und Gratisshows zum Festival de Tango; Symphonieorchester mit meiner Vermieterin Flor; um halb 12 Uhr nachts draußen Abendessen, Tanzen zu schlechtem Reggaeton, weil das Silvia gut gefällt, Lauras kleiner Schwester, die zu Besuch ist für ein paar Wochen.
Bevor die Uni losgeht reiße ich auch schon das erste Mal aus, aus den Abgasschwaden der Stadt zu den Wasserfällen von Iguazú. Klarste Luft und atemberaubend schöne Natur; Belohnung für 18 Stunden Busfahren. Beim Zurückkommen erahne ich erstmalig die wirklich hässlichen Seiten der Stadt: Der Bus durchquert die „Villas“, die Armenviertel, die einen Gürtel um die Stadt bilden; und dann, auf dem Fußweg zwischen Bus und Bahnhof, spüre ich was Klebriges in meinen Haaren landen. „Na toll, Vogelscheiße“ denke ich, als mich plötzlich zwei Typen anlabern: „Señorita, oh je, du hast überall Taubendreck auf deinem Rucksack, Ich helf’ dir, ich habe hier ein Taschentuch" – da wusste ich was los ist, habe die „Hilfe“ abgelehnt und bin schnurstracks weiter zu meinem Zug gelaufen; habe zuhause angekommen genervt und müde meinen Rucksack und meine Haare von stinkender Senfsoße befreit … Tja, so ein Backpack schreit eben „Tourist“. Aber in einem halben Jahr Ecuador ist mir nie so was oder ähnliches passiert.
Und dann… Uni:
Ich mache einen Kurs an der Philo- und drei an der Wirtschaftsfakultät. Die Filosofía ist komplett mit politischer Propaganda zugekleistert und es gibt nur Hippies. Wirklich. Uniparties laufen so ab, dass man die Straße vor dem Haupteingang blockiert – das soll politischer Protest sein; interessiert aber niemanden, biegen die Autos eben einen Block später ab. Dann gibt es Musik und billiges Bier und Grillfleisch. Und: Hippies. Klar. Die Vorlesungen sind übrigens vierstündig mit anschließend zwei Stunden Práctica, man muss jede Woche schriftliche Fragen abgeben und es gibt zwei Prüfungen während des Semesters. Hui! Materialien werden im Copyshop hinterlegt und dann für 1,80 € selbst kopiert. (Kann ja mal jemand dem Hähnel vorschlagen.) Leute an der Filo kennen zu lernen fällt (mir) schwer. Nach der Vorlesung frage ich eine Gruppe Argentinier: "Geht ihr jetzt Mittag essen?" "Ja." Pause. "Gibt's hier denn eine Mensa?" "Nee, nicht wirklich. Besser sind die Kioske." "Ah." Pause. Das wäre dann der Moment, in dem ich erwartet hätte, dass ich gefragt werde, ob ich mitkommen mag???! Kann man noch mehr mit dem Zaunpfahl winken? Denkste. Die haben mich glatt stehen lassen. Okay, dann eben nicht. … Schön, auch hilfsbereite Leute zu finden, wie Diego, der mir alle Texte auf Englisch mailt, damit ich parallel lesen kann. Soviel zur Filo.
Die Wirtschaftsfakultät ist der absolute Gegensatz: Es ist verboten, Plakate aufzuhängen und viele laufen tatsächlich in Anzug und Krawatte rum. Erst hab ich mich ziemlich erschrocken, dann wurde mir erklärt, dass die meisten vor und nach den Vorlesungen arbeiten und deswegen in Businesskluft zur Uni kommen.
Nora, eine kleine grauhaarige, adrett gekleidete Frau mit silbernen Ohrringen und hohen Schuhen hält die Eröffnungsvorlesung in meinem Seminar „Poder Económico y Derechos Humanos“ (Wirtschaftsmacht und Menschenrechte). Als sie zu reden beginnt, wird es mucksmäuschenstill im Raum. Sie ist eine Madre de la Plaza de Mayo, im Jahr 1977 hat sie ihren damals 24 Jahre alten Sohn verloren; er ist einer der ca. 30 000 Desaparecidos, er verschwand in den Folterkammern der Militärdiktatur. Gebannt lausche ich, wie Nora ihre Geschichte erzählt, die Geschichte ihres Landes, ihres Volkes und ihres Kampfes. Nora ist nicht verbittert. Aber sie kann und will nicht vergessen und bleibt aktiv. Erst ganz zum Schluss der Stunde kann Nora, schon beinahe 80, ihre Emotionen nicht mehr verbergen. Sie schaut uns liebevoll an. Ihr Sohn war so alt wie wir, er hat an dieser Uni studiert.
Die erste Vorlesung, Desarrollo Económico, Wirtschaftliche Entwicklung, fängt zwar nicht ganz so leise, aber auch vielversprechend an. Lärm von draußen (offene Fenster zur sechsspurigen Straße) machen Spanisch-Verstehen nicht unbedingt leichter.. Die (ansonsten sehr sympathisch und engagiert wirkende) Professorin quetscht mich und zwei andere Extranjeros aus, warum wir da sind und überhaupt und so; dann bin ich schwuppsdiwupps in irgendeiner Arbeitsgruppe. (juhu, Argentinier kennen lernen! ) - Nach der Vorlesung Kaffee mit Lisa aus Wien und Dorothee aus Köln, das erste Mal seit langem Deutsch gesprochen (außer beim Skypen mit Clarita und Mutti). Mittlerweile ist es spät und dunkel draußen, ich habe sechs Stunden Philo und zwei weitere in der Economía hinter mir und sitze müde und glücklich im wie immer viel zu vollen Colectivo, wie die Leute hier die Busse nennen, draußen braust die Stadt. Ich habe ein Lächeln auf den Lippen und aus irgendeinem Grund ein ganz blödes Lied im Kopf: „Mein Herz tanzt …“
Vorbei am Blumenstand: „Magst du einen Mate probieren?“ –
Nachhausekommen, in mein hübsches, sauberes, beinahe zu schickes Zimmer in Belgrano, mit Mitbewohnerin Laura und ihrer Schwester über den Tag plaudern; Pläne schmieden. Zufrieden bin ich. Und freue mich. Auf morgen. Und überhaupt.
Schöne Momente wünsche ich euch allen, y les mando un fuerte abrazo !
Visuelle Eindrücke hier: http://picasaweb.google.com/caroline.schultz1
Dienstag, 1. September 2009
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